Öffentlichkeitsarbeit
1 Jahr Selbsthilfenetzwerk am 21.02.2007
„Wenn es Dir gut gehen soll – tu was! – warte nicht bis andere für dich aktiv werden“
Betrachtungen und Untersuchungsergebnisse zusammengefasst und ergänzt von Manfred Bieschke-Behm – SHN-MA
Psychische Erkrankungen in Europa
Europaweit leidet jeder vierte Mensch mindestens einmal im Leben unter einem psychischen Problem. Am meisten gefährdet sind Frauen, ältere Menschen, Rentner, sowie Hausfrauen und –männer.
In Europa leiden derzeit jährlich schätzungsweise 4,5 Prozent der Bevölkerung an Depressionen. Dabei sind Angst und Depression am häufigsten anzutreffen. Nur die Hälfte der Betroffenen wendet sich an Ärzte oder andere Fachkräfte, um sich bei der Bewältigung eines psychologischen Problems helfen zu lassen. Für 53 Prozent stellen Familienmitglieder die bevorzugte Anlaufstelle dar. Ein knappes Viertel sucht Hilfe bei Freunden (Quelle: Ärzte-Zeitung 20.12.1006).
Einer Prognose der WHO zufolge werden sich psychische Erkrankungen in den westlichen Ländern bis 2020 zur Volkskrankheit Nummer eins entwickelt haben.
Psychische Erkrankungen in Deutschland nehmen zu
Psychische Störungen sind mittlerweile die vierthäufigste Ursache für Krankmeldungen vom Arbeitsplatz. Seit 1991 stieg die Zahl der Krankheitstage um 33 Prozent. Seit 1986 stieg die Zahl der Krankheitsfälle um das Zweieinhalbfache, von 3,8 Fällen je 1000 Versicherte auf 9,3 Fälle im Jahr 2005.
Die Zunahme ist in allen Altersgruppen zu beobachten, bei Männern stärker als bei Frauen. (Quelle BKK-Bundesverband 04.01.2007).
Es stellt sich die Frage: Ist die Gesellschaft krank oder sind es die Betroffenen?
Festzuhalten ist die Tatsache, dass die Entstehung einer Depression eng mit den Umständen unserer Gesellschaft zusammenhängt und das davon auszugehen ist, dass sich dieser Zustand auf lange Zeit bestätigen lassen wird. Stress, Überforderung am Arbeitsplatz, Mehrfachbelastungen in Familie und Beruf, die hohe Arbeitslosigkeit sowie der steigende Leistungsdruck - all diese Faktoren prägen die heutige Gesellschaft und begünstigen die zunehmende Anzahl von Depressionskranken.
Psychogene Depression – eine Volkskrankheit?
(Manfred Bieschke-Behm weist ausdrücklich darauf hin, dass für die teilweise Veröffentlichung der Fragebogen-Auswertung eine schriftliche Genehmigung bei den Autoren eingeholt wurde.)
Drei Schülerinnen vom Gymnasium „Am Lindenberg“ in Ilmenau haben als Unterstützung zu ihrer Seminarfacharbeit Thema „Psychogene Depression – eine Volkskrankheit?“ ( Frühjahr 2006) Mitglieder von Depressionen Selbsthilfegruppen in Ilmenau, Arnstadt, Erfurt, Jena, Mühlhausen, Rudolstadt, Leipzig, Dortmund und Berlin mittels eines selbst entworfenen Fragebogens befragt. Die Auswertung gibt Aufschlüsse über Ursachen, Krankheitsbild und Behandlung von Depressionen. Insgesamt konnten 118 Fragebögen ausgewertet werden. Wobei nicht alle Teilnehmer zu den gestellten Fragen Antworten gaben. Teilgenommen an der Fragebogenaktion haben 77 Frauen und 41 Männer.
Die Auswertung der Fragebögen belegt u.a. die Tatsache dass bei 71,2% die Ursachen für ihre Depressionen länger zurückliegen. Bei 52,9% sind die auslösenden Momente in der Kindheit festzumachen.
Als Symptome (Begleitumstände) wurden abgefragt: Herabgestimmtheit (66,0%), Energielosigkeit (78,4%), Minderwertigkeitsgefühle (65,7%), Angstzustände (60,4%), Denkstörungen (41,2%), Appetitsstörungen (22,8%), Schlafstörungen (63,2%) und Sexualstörungen (22,8%)
Auf die Frage: Ich hatte bereits Selbstmordgedanken“ haben insgesamt 113 Personen geantwortet. Davon mit „stimmt“ 69,9%, 12,4% antworteten mit „stimmt teilweise“ und nur 17,7% antworteten mit „stimmt nicht“. Addiert bedeutet das Ergebnis, dass von 113 Personen 92 Selbstmordgedanken kennen!
Von 112 Personen haben 77,7% Erfahrungen mit Antidepressiva. Davon haben 32,4% positive Erfahrungen im Bezug auf die Wirkung von Medikamenten gemacht. 44,1% sind sich nicht sicher und 23,4% sind der Meinung, dass Medikamente keine positive Wirkung hatten.
Es reicht nicht aus die Krankheit mit Medikamenten zu „betäuben“. Nicht selten stehen die Fragen im Raum:
„Durch Medikamenteneinnahme geht es mir zwar besser, aber geht es mir gut?
„Ist die Medikamenteneinnahme die Eintrittskarte in die Psychiatrie?“
(Anmerkungen von A.G. – Betroffene)
84,7% haben Erfahrungen mit Psychologen, davon bewerten nur 45,0% die Wirkung positiv. 42,2% stimmen deiner positiven Wirkung teilweise zu und 12,8% sind der Meinung, für sich keine positive Wirkung gespürt/erfahren zu haben.
Leider gibt dieses Ergebnis keine Erkenntnis darüber, weshalb die positiven Erfahrungen mit Psychologen nur 45,0% beträgt. Die Gründe sind vermutlich sehr unterschiedlich und individuell und müssten im Einzelnen betrachtet werden.
Der „Stern“ titelte in seiner Ausgabe 51/2006 „Pfusch an der Seele – Wie Psychotherapie krank machen kann.“ Mehrere Fallbeispiele machten sehr deutlich, wie schnell es passieren kann, das Therapien mehrt schaden als nützen. Der „Stern“ behauptet, dass das bei 20% der Behandlungen der Fall ist. Dies ist eine erschreckend Zahl – wenn sie, was zu vermuten ist, zutrifft.
Angela Reschke, Psychologin und Verbraucherberaterin sagt in einem „Stern-Interview“ zum Thema Therapiebehandlung: Für viele Erkrankungen ist eine Therapie ein unentbehrliches Behandlungsmitte. Aber nicht für alle. Manche Krisen und Verstimmungen können auch mit einer SHG oder mit praktischen Angeboten wie Sport gemeistert werden. Frau Reschke sagt weiter: Ich denke, die Psychotherapie wird ebenso unter- wie überbewertet. Sie sagt auch: …womöglich sehen Patienten ihren Therapeuten zu kritisch.
Hier stellt sich die Frage wo kritische Betrachtung angebracht ist oder nicht. „Erstpatienten“ werden kaum in der Lage sein „ihre“ Therapie differenziert zu beobachten. Es fehlen Erfahrungen und häufig Mut zur Kritik. Und selbst Patienten mit Therapieerfahrungen, denen es an Selbstbewusstsein mangelt, werden nicht oder nur schwer in der Lage sein die „Notbremse“ zu ziehen.
Frau Reschke fordert einen „Beipackzettel für Psychotherapien“. Ein Patient sollte vor Therapiebeginn darüber aufgeklärt werden wie die Therapie wirkt, wie man mit Rückschlägen umgeht, welche Alternativen es gibt und an wen man sich wenden kann, wenn es Probleme gibt. Auch sollte ein Patient – nicht erst auf Nachfrage – über die Ausbildung und Berufserfahrung des Therapeuten informiert werden.
Bemerkenswert ist das Ergebnis, das 49,1% glauben, dass eine Mitwirkung von Angehörigen bei einer psychologischen Behandlung hilfreich ist. Immerhin noch 38,6% glauben es teilweise. 12,3% sind der Meinung, dass eine Mitwirkung von Angehörigen nicht hilfreich ist.
Nicht abgefragt wurde von den Schülerinnen die Frage nach Klinikerfahrungen. Hier ist zu vermuten, dass das Ergebnis ähnlich wäre wie das Ergebnis zur ambulanten Therapie.
Mit Bedauern ist zur Kenntnis zunehmen das es SHG gibt, deren Mitglieder Therapie- bzw. Klinikgeschädigt sind. Es stellt sich die Frage: Muss das sein?
Klinikerfahrungen aus Patientensicht
Das SHN möchte ein Forschungsobjekt in Auftrag zu geben die das Thema „Klinikerfahrungen aus Patientensicht“ zum Inhalt hat. Ziel der Untersuchung ist Erfahrungen als Ressource für Wissenschaft und Praxis zu ermitteln.
Bisher fehlen uns Unterstützer die sich mit diesem sicherlich heiklen Thema befassen wollen.
Der Hintergrund zu dieser Studie ist die Frage nach der Versorgungssituation von Patienten mit einer diagnostizierten Depression. Hierfür werden verschiedenen Wege im Versorgungs¬system von Patienten mit Klinikerfahrung erhoben. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Erfahrungen systematisch zu erfassen und das Versorgungssystem mit seinen Akteuren zu untersuchen. Die systematische Erfassung und wissenschaftliche Auswertung von Klinikerfahrungen von Patienten stellt in der gegenwärtigen Forschung immer noch ein ungeklärtes Feld dar. Die Studie befasst sich deswegen mit der Frage, welche Rolle die Klinikerfahrungen von Patienten mit einer Depressionsdiagnose für die Forschung und Praxis haben.
In Form von Erfahrungen liegt ein umfangreiches Wissen über Wege im Versorgungssystem vor, die von einzelnen Stellen im System aus nicht erlangt werden kann, da nicht alle kombinatorisch möglichen Verläufe und Schnittstellen vorausgesehen und geplant werden können. Auch berücksichtigen die Untersuchungen zum Versorgungssystem in den seltensten Fällen die Perspektive des Patienten. Erste durch die Einbeziehung der Patientenperspektive können Schnittstellen, die Einweisung und Entlassung verbessert und auf Folgeprobleme beleuchtet werden.
Wir verfügen über in Form von Erfahrungsberichten und Biographien eine große Ressource an Wissen, die uns über den Ablauf einer stationären Behandlung ein ganzheitliches Bild geben können. Während jeder einzelne Arzt und Therapeut im Versorgungssystem nur seinen Bereich im Blick hat. Als Beispiel kann die Medikation herangezogen werden, die nach jedem Wechsel einer Station im Versorgungssystem nach unterschiedlichen Richtlinien erfolgt und den Patienten verwirrt. Dies führt aus der Sicht des Patienten zu einen uneinheitlichen Bild der Versorgung.
Methodik
Mit standardisierten Interviews werden Patienten mit einer diagnostizierten Depression zu ihren Erfahrungen in Kliniken und ihrem Krankheitsverlauf befragt.
In einem weiteren Schritt wenden wir uns den kombinatorisch möglichen Krankheitsverläufen zu. Hierfür werden die verschiedenen Institutionen und Akteure im Versorgungssystem auf ihre „Reaktion“ auf eine akute Depression bei einem Patienten befragt. Hierfür werden mit Akteuren des Versorgungssystem Experteninterviews durchgeführt.
Die Studie erfordert eine eingehende Beschäftigung mit der Diagnose-, Einweisungs-, Behandlungs- und Entlassungspraxis. Welche Diagnosen bekommen Depressionspatienten. Hinter welchen Diagnosen verbergen sich Depressionen (Diagnosepraxis)? Wie findet ein Patient seinen Weg in die Klinik (Einweisungswege)? Welche Behandlungsschritte erfährt er in der Klinik? Wie gestaltet sich sein Alltag?
Das SHN hofft, das es ihm 2007 gelingt das Forschungsprojekt zu starten.
Zurück zu den Ergebnissen des Fragebogens:
Alternativen bzw. begleitende Maßnahmen zur Bekämpfung von psychischen Störungen
Aktivitäten, wie sportliche Betätigung, helfen 62,0% bei der Verbesserung eines Stimmungstiefs. 25,0% sind skeptisch und 13,0% sogar der Meinung, dass die Verbesserung einer negativen Stimmungslage durch sportliche Aktivität nicht zutrifft.
Neben der sportlichen Aktivität wurde auch der Umgang mit Musik abgefragt. Etwas mehrt als die Hälfte ist der Meinung, dass sich negative Stimmungslagen durch Musik aufhellen lassen.
36,6% stimmen dem teilweise zu und 8,0% haben keine positiven Erfahrungen gemacht.
In etwa das gleiche Ergebnis liegt vor auf die Frage: „Eine Verbesserung meiner Stimmungslage kann/könnte ich spüren bei Entspannungsübungen“
45,4% stimmt, 36,1% stimmt teilweise und 18,5% stimmt nicht.
Interessant ist das Frageergebnis das in Verbindung mit der Selbsthilfe steht.
62,4% glauben, dass eine/ihre Selbsthilfegruppe zur dauerhaften Überwindung ihrer Depressionen hilft. 35,0% betätigen dies teilweise und nur 2,6% sind der Meinung, dass Selbsthilfegruppen eine dauerhafte Überwindung von Depressionen nicht herbeiführen können.
Basisarbeit Betroffene/Experten
Festzuhalten ist, dass Betroffene keine Lobby haben. Betroffene müssen deutlich machen, dass mit ihnen, und nicht über sie gesprochen wird. Deshalb ist es wichtig mit diesem Anliegen an die Öffentlichkeit zu gehen.
Ein Betroffner fühlt sich nur dann verstanden und angenommen, wenn er gehört wird, wenn er die Möglichkeit hat sich mitteilen zu können, wenn ihm geglaubt wird und wenn man ihn ernst nimmt.
Viel zu selten besteht die Möglichkeit dass sich „Experten“ mit Betroffenen gemeinsam an einen Tisch setzten und sich gedanklich austauschen. Weshalb werden z.B. Fachkongresse, Fachtagungen, Symposien u.ä. Veranstaltungen nicht auch dazu genutzt die „Basis“ zu hören?
Die Erfahrungen von Betroffenen (eigenes Krankheitsbild, Klinikaufenthalte, Therapien, soziales Umfeld, Möglichkeiten der Krankheitsbekämpfung durch Eigeninitiativen usw.) gäben anschaulich authentische Auskunft über den Umgang mit der Krankheit und böten Gelegenheit Nöte und Ängste aber auch Erfolge vor am Thema interessierten Teilnehmern vorzutragen und zur Diskussion zu stellen.
Wissen die Experten was Betroffene wissen, fühlen, erfahren, vermissen? Und wenn ja, wie gehen sie damit um? Weiß ein Experte, über sein Fachwissen hinaus, wie sich der Alltag eines Depressiven-/Angstpatienten - jenseits von Klinken/Krankenhäusern etc. – gestaltet? Wird ernsthaft darüber nachgedacht, wie Vor- und Nachsorge zum Wohle des Betroffenen effektiv praktiziert werden kann bzw. werden muss? Werden Überlegungen angestellt, dass sich die Rückfallquote möglicherweise verringern ließe, wenn ein Patient Soforthilfe bekäme und nicht auf Wochen vertröstet werden muss?
Wie gehen Experten mit der Tatsache um, dass Patienten, als einzige Alternative zur Bekämpfung ihrer Erkrankung eine Selbsthilfegruppe sehen, weil andere Hilfen ihnen verwährt werden bzw. Misstrauen gegenüber Ärzten, Psychologen und Klinken bestehen?
Ist bekannt, dass Selbsthilfegruppen dazu verwendet werden Therapien zu ersetzen (Gesundheitsreform, Kostensenkung)? Ist weiterhin bekannt, dass viele Selbsthilfegruppen - aber auch die Betroffenen - durch diese sich einschleichende Vorgehensweise überfordert sind?
Die Selbsthilfe sollte ein unterstützendes Element sein und kein Ersatz, zumal die Unterstützung der Selbsthilfegruppen von außen (z. B. phasenweise Begleitung bzw. fachliche Unterstützung/Beratung von Psychologen) nicht erkennbar ist.
Wichtig und spannend ist auch die Frage: Wie schaffe ich es/wie habe ich es geschafft, mit der Depression zu leben bzw. mich von der Krankheit zu entfernen?
Statistiken geben sicherlich über die eine oder andere Frage Auskunft. Aber Statistiken sind nur Zahlen und keine menschlichen Wesen, keine betroffenen Menschen, denen man das Recht und die Möglichkeit gehört zu werden, Fragen stellen zu dürfen und ehrliche Antworten zu bekommen einräumen sollte.
Kooperative Zusammenarbeit gefordert
Aus der Sicht des SHN ist es unbedingt erforderlich, dass z.B. Einrichtungen wie das „Berliner Bündnis gegen Depressionen“, SH-Kontaktstellen, Krisendienste, Fachkliniken sehr eng und kooperativ zusammenarbeiten. Nur ein gut funktionierendes Netzwerk hat die Möglichkeit Hilfesuchenden die Hilfe anzubieten die er/sie braucht.
Deshalb fordert das SHN regelmäßige Treffen mit Vertretern der einzelnen Einrichtungen. Es sollte möglich sein sich an einen runden Tisch zu setzten und basisorientiert zu diskutieren. An diesen Treffen sollten selbstverständlich auch Betroffene sitzen, denn es soll nicht über, sondern mit den Betroffenen gesprochen werden.
Seelische Krisen sind Ausnahmezustände, keine Zustände die ewig anhalten müssen
Seelische Krisen sind Ausnahmezustände, die die Menschen, die davon betroffen sind, tief erschüttern. Sie sind es deshalb weil sie für die Umwelt nur schwer zu verstehen sind. Krisen = Ausnahmezustände können auch Lebensüberwältigungsstrategien sein. Wenn es gelingt sie zu überwinden, können Menschen daran wachsen. Das ist die Chance der seelischen Krise. (Aussagen von A.G. – Betroffene).
Personen, die es geschafft haben, sich aus ihrem „Teufelskreis“ zu befreien sollten motiviert werden über ihren Weg zu berichten. Sie können durch ihre Berichterstattung anderen Mut machen und Hoffnungen wecken.
Immer wieder ist festzustellen, dass bei Zusammenkünften von Depressiven den einzelnen „Leidenswegen“ zu viel Bedeutung eingeräumt wird. Der Austausch von krankheitsbedingten Erfahrungen und Erlebnissen ist notwendig um Gemeinsamkeiten festzustellen und ein „Wir-Gefühl“ zu entwickeln, sollte aber nicht Schwerpunkt sein. Vielmehr sollten Begegnungen genutzt werden positive Sichtweisen zu schaffen.
Selbsthilfegruppen mangelt es häufig an entsprechenden Konzepten und in der Selbsthilfearbeit erfahrenen Teilnehmern. Deshalb beteiligt sich das SHN an der Planung und Durchführung von weiterbildenden Maßnahmen (z.B. „Erfolgreiche Gruppenarbeit“ oder „Gruppenleiterausbildung“). Die SHN-Arbeitsgruppe „Forum Angst und Depressionen“ (Zusammensetzung: Betroffene und ein Fachexperte) konzipiert Veranstaltungen und führt diese erfolgreich durch. Die TeilnehmerInnen haben die Möglichkeit sich aktiv einzubringen und können dadurch den Ablauf mitbestimmen.
Das SHN nutzt jede Möglichkeit um einen kommunikativen Meinungs- und Gedankenaustausch zu ermöglichen. Deshalb wird es möglich sein, auf dem 4. SHN-Gesamttreffen am 21.02.2007 (Austragungsort: KIS Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe Pankow-Prenzlauer Berg, Raum „Galerie“ – Fehrbelliner Str. 92 in 10119 Berlin (nähe U-Bhf. Rosa-Luxemburg-Platz). Beginn: 18:00 Uhr – Ende: gegen 21:00 Uhr), über das Thema: „Wenn es Dir gut gehen soll – tu was! – warte nicht bis andere für dich aktiv werden“ zu diskutieren. Betroffene und „Experten“ bekommen die Gelegenheit sich über folgende Fragen auszutauschen:
„Was kann ICH für mein Wohlbefinden tun – Was habe ich bereits getan?“
„Wer kann mir helfen den „Teufelkreis“ zu verlassen?“
„Welche Strategien haben mir geholfen welche nicht? (z.B. die Krankheit verstehen lernen konstruktive Auseinandersetzung, wo stehe ich heute, wo will ich hin)“
“Welchen Stellenwert hat SELBSTHILFE in meinem Leben?“
„In wie weit tragen andere Verantwortung für mein Wohlbefinden?"!
„Wer bin ich – was will ich – was kann ich?“ (z... B. Körperwahrnehmung, Körper wiederentdecken.
Orientierung „Wo bin ich?“, „ich bin ich“, „Ich will“. Halten/Loslassen, „Ich vertraue“, Sicht-fallen-lassen“, „Ich akzeptiere“, „Geben und nehmen“, partnerschaftliches Verhalten).
Die vorangegangenen Ausführungen machen deutlich, worin die Schwerpunktarbeit vom SHN liegt. Wir wollen durch unsere Arbeit dazu beitragen das Betroffenen geholfen wird und das „Experten“ über ihr Fachwissen hinaus den Patienten als Mensch sehen und nicht als „Fall“. Das SHN will versuchen Betroffene zu sensibilisieren ihre Krankheit nicht als Schicksal anzusehen/anzunehmen, sondern als Chance für Veränderungen. Wir möchten motivieren sich bietende Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen um Angst und Depression erfolgreich zu bekämpfen. Dazu gehört Hintergrundwissen genauso so wie die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln und das in Richtung Gesundung und Zufriedenheit. und nicht rückwärtsorientiert.
Diverse Aktivitäten
Teilnahme an der Fachtagung "Versorgungslücken bei psychisch kranken Menschen mit Migrationshintergrund - Netzwerke bilden – Versorgungslücken schließen" 13.05.2006 Veranstalter: Berliner Bündnis gegen Depressionen
Teilnahme am „Expertendialog Selbsthilfe und Depression“ am 8. Februar 2006 in den Räumen der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung Berlin-Charlottenburg
Teilnahme am „Kongress „Armut und Gesundheit“ am 1. und 2. Dez. 2006 - im Rathaus Schöneberg in Berlin-Schöneberg
Teilnahme an den Veranstaltungen der Psychotherapeutenkammer Berlin am 08.12.2006
Teilnahme an den 2. Berliner Psychiatrie-Tage „Depression in Berlin“ vom 11.01. – 13.01.2007 in der Charité-Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin
Teilnahme an der Fachtqgung "Konzepte zur Aktivierung der Zusammenarbeit von Selbsthilfe und Ärzten" am 13.06.2008 Veranstalter: BKK Bundesverband Essen, Kassenärztliche Bundesvereinigung Berlin.
Presse/TV
Interview mit der Zeitschrift „Emotion“ unter dem Titel „Raus aus dem Seelentief“
Bericht über das SHN in der „Stadtteilzeitung“
Bericht über das SHN in der Monatschrift der Kassenärtzlichen Vereinigung Brandenburg“
Interviews im Nachrichtensender „N24“ zum Thema "Depressionen"
"Offener Brief"
an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 2. Psychiatrie-Tage - DEPRESSION in Berlin 11.01. – 13.01.2007
Sehr geehrte Damen und Herren,
das Selbsthilfenetzwerk Depressionen und Ängste Berlin/Brandenburg (SHN) hat das umfangreiche Programm zur Kenntnis genommen und muss leider (wieder einmal) feststellen, dass die Möglichkeit, Betroffene zu Wort kommen zu lassen, nicht ausreichend berücksichtigt wird. Das SHN fragt sich, warum dem Kreis der Betroffenen keine ausgewogene Gelegenheit eingeräumt wird, sich aktiv einzubringen? Wenn jemand weiß wovon er/sie spricht, dann sind es doch die Betroffenen. Deren Erfahrungen (eigenes Krankheitsbild, Klinikaufenthalte, Therapien, soziales Umfeld, Möglichkeiten der Krankheitsbekämpfung durch Eigeninitiativen usw.) gäben anschaulich authentische Auskunft über den Umgang mit der Krankheit und böten Gelegenheit Nöte und Ängste aber auch Erfolge vor am Thema interessierten Teilnehmern vorzutragen und zur Diskussion zu stellen.
Fachtagungen, Symposien usw. sind aus der Sicht des SHN und anderer zu expertenlastig. Was fehlt, ist der tatsächliche kommunikative Austausch zwischen Betroffenen (Krankheitsexperten) und Fachleuten (Fachexperten). Wir befürchten, dass auch diese Veranstaltung den Bedürfnissen von psychisch kranken Menschen nicht gerecht wird. Wieder einmal entsteht der Eindruck, das Betroffene nicht gehört werden, weil deren Meinungen und Äußerungen „den Frieden“ einer solchen Veranstaltung stören könnten.
Fachexperten wissen um die Inhalte, über die es auf dem Gebiet der Depressionen zu berichten gibt. Wissen die Experten was Betroffene wissen, fühlen, erfahren, vermissen? Und wenn ja, wie gehen sie damit um? Weiß ein Experte, über sein Fachwissen hinaus, wie sich der Alltag eines Depressiven-/Angstpatienten - jenseits von Klinken/Krankenhäusern etc. – gestaltet? Wird ernsthaft darüber nachgedacht, wie Vor- und Nachsorge zum Wohle des Betroffenen effektiv praktiziert werden kann, werden muss? Werden Überlegungen angestellt, dass sich die Rückfallquote möglicherweise verringern ließe, wenn ein Patient Soforthilfe bekäme und nicht auf Wochen vertröstet werden muss?
Wie gehen Experten mit der Tatsache um, dass Patienten, als einzige Alternative zur Bekämpfung ihrer Erkrankung eine Selbsthilfegruppe sehen, weil andere Hilfen ihnen verwährt werden bzw. Misstrauen gegenüber Ärzten, Psychologen und Klinken bestehen? Ist bekannt, dass Selbsthilfegruppen dazu verwendet werden Therapien zu ersetzen (Gesundheitsreform, Kostensenkung)? Ist weiterhin bekannt, dass viele Selbsthilfegruppen - aber auch die Betroffenen - durch diese sich einschleichende Vorgehensweise überfordert sind? Die Selbsthilfe sollte ein unterstützendes Element sein und kein Ersatz, zumal die Unterstützung der Selbsthilfegruppen von außen (z. B. phasenweise Begleitung bzw. fachliche Unterstützung/Beratung von Psychologen) nicht erkennbar ist. Wichtig und spannend ist die Frage: Wie schaffe ich es/wie habe ich es geschafft, mit der Depression zu leben bzw. mich von der Krankheit zu entfernen?
Aus der Sicht vom SHN sollten Veranstaltungen dieser Art nicht dazu dienen überwiegend orientiertes Fachwissen zu verbreiten, sondern – und vor allem – die Möglichkeit bieten, Betroffenen die Erkenntnis zu geben „wir werden gehört“ und nicht „über uns wird gesprochen“!
Mit freundlichem Gruß
Manfred Bieschke-Behm
Selbsthilfenetzwerk Depressionen und Ängste Berlin-Brandenburg(SHN)
1. SHN-Rundbrief 07-06-13
Liebe Selbsthilfe(-Netzwerk)-Interessierte,
um unsere Kommunikation noch weiter zu verbessern, werden wir ab sofort in regelmäßigen Abständen über wichtige Neuigkeiten rund um das SHN durch einen Rundbrief informieren.
Der Rundbrief wird über E-Mail verschickt. Damit auch diejenigen den Rundbrief erhalten, die nicht über E-Mail zu erreichen sind, bitten wir die Empfänger, den Rundbrief an Interessierte bzw. in die Gruppen weiterzuleiten damit möglichst eine flächendeckende Informationsdichte gewährleistet ist.
Sollte jemand kein Interesse am Rundbrief haben, bitten wir um eine kurze Mitteilung.
1. Homepage
Seit einigen Wochen gibt es die eigene SHN-Homepage. Über www.shnetzwerk-depression-angst-bb.de lassen sich viele Informationen abrufen. Wir würden uns freuen, wenn die Homepage gefällt und wir Bedürfnisse befriedigen können. Gerne nehmen wir Anregungen über Veränderungen bzw. Erweiterungen entgegen (auch über @-Mail: shnetz-depression.bb@gmx.net).
2. Veranstaltungshinweise
Am 21.06.2007 in der Zeit von 18:00 – 21:00 Uhr „In mir steckt mehr als ich weiß“ – Wie kann ich meine eigenen Stärken entdecken und fördern? Die Veranstaltung findet im Selbsthilfetreffpunkt Siemensstadt, Hefnersteig 1 (U-Bahnhof Siemensdamm) statt. Es wird ein Kostenbeitrag von 1,- € erhoben.
Unter dem Titel „Selbsthilfe bei Angst und Depressionen – Was bringt mir das?“ führt das SHN ab September 2007 in sieben Berliner Kontaktstellen eine Veranstaltung durch. Es kann sein, dass Ihre Kontaktstelle nicht dabei ist. Dann liegt es aber nicht daran, dass das SHN nicht ich Ihre Kontaktstelle kommen möchte, sondern vielmehr daran, dass Ihr Kontaktstellenbüro die Veranstaltung nicht gebucht hat, weil möglicherweise, die angesprochenen Selbsthilfegruppen keinen Bedarf haben bzw. die Ankündigung nicht bis zu Ihnen vorgedrungen ist.
Wollen Sie näheres über die Veranstaltung wissen, so nehmen Sie mit uns Kontakt auf oder fragen Sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ihrer Kontaktstelle. Gerne schicken wir auf Wunsch den Veranstaltungsflyer zu.
Es grüßt das gesamte SHN-Team
2. SHN- Rundbrief 07-08-13
Liebe Selbsthilfe(-Netzwerk)-Interessierte,
heute informieren wir über diverse Veranstaltungen zu denen wir herzlichst einladen
1. „Berliner Woche der Seelischen Gesundheit“.
Als sich im Frühjahr 2007 herauskristallisierte, dass verschiedene Berliner Akteure und Partner des Aktionsbündnisses für seelische Gesundheit Events im Oktober "rund um den Tag der seelischen Gesundheit" in der Hauptstadt planten, ist die Idee entstanden, die Veranstaltungen im Rahmen einer "Berliner Woche der Seelischen Gesundheit" umzusetzen. Diese steht unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Darüber informiert das Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit. Inzwischen konnte der Veranstalter, der unter der Ägide der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Ner-venheilkunde e. V. (DGPPN) steht, zahlreiche Veranstaltungen für das Programm vom 8. bis 14. Oktober 2007 aufnehmen. Im Mittelpunkt steht die Förderung der seelischen Gesundheit. Ob Fachtagung, Schülerveranstaltung, Tag der offenen Tür oder Filmvorführung – das Spektrum der Angebote ist vielfältig.
Ein Highlight ist beispielsweise eine Laufveranstaltung im Tiergarten, die im Ver-anstaltungskalender als 1. Berliner Körper und Seele Lauf - 'Run Your Mind' für den 14.10.2007 angekündigt wird. Zum Mitmachen eingeladen sind Betroffene, Angehörige, professionelle Helfer, sportlich Interessierte, Firmenteams und alle, die gerne laufen oder einfach dabei sein wollen. Mit Einzelläufen für Groß und Klein, (Nordic) Walking und der "Trialog-Staffel", bei der es gilt, zu dritt ge-meinsam ins Ziel zu kommen. Ein in-formatives und attraktives Rahmen-programm soll zusätzlich für gute Stimmung und ein erfolgreiches Gelingen dieser besonderen Laufaktion sorgen.
Bei einem ganztägigen Werkstatt-Tag des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker geht es am 13. Oktober in der Charité Berlin um "Selbsthilfe und Seelische Gesundheit". Ganz im Sinne von: Miteinander ins Gespräch kommen, Erfahrungen austauschen und voneinander lernen, sowie gemeinsam Ressourcen aktivieren.
Interessierte Einrichtungen, Vereine und Initiativen können sich mit einer Veranstaltung oder einem besonderen Beratungsangebot an der Aktionswoche beteiligen. Bereits registriert sind 20 Veranstalter Die angemeldeten Events werden in den Veranstaltungskalender aufgenommen und bei den An-kündigungen zur Berliner Woche der Seelischen Gesundheit berücksichtigt.
Informationen zu allen Veranstaltungen unter:
http://www.aktionswoche.seelischegesundheit.net
Quelle: Lichtblick-Newsletter Nr. 207 vom 10.08.2007 - Nachrichten aus Psychiatrie & Selbsthilfe http://www.lichtblick-newsletter.de
2. Mehr von einander erfahren Betroffene – Angehörige
Mit dem Kooperationspartner AKP (Landesverband Berlin Angehörige psychisch Kranker e.V.) gab es ein Ar-beitsgespräch. Thematisiert wurden Schwierigkeiten/Spannungsfelder zwi-schen Angehörige und Betroffene gibt im Umgang mit der Krankheit.Häufig sind es Unkenntnisse die das Leben miteinander schwier gestalten. Beide Gruppierungen wissen häufig zu wenig voneinander. Dadurch ergeben sich Spannungsfelder, Unsicherheiten und Distanzierungen bis hin zur Isolation und Ausgrenzung. Nicht selten sind Suizide auf vorgenannte Umstände zurückzuführen.
Angedacht ist eine Veranstaltung anzu-bieten für Betroffene und Angehörige.
- Welche Informationsdefizite bestehen zwischen Angehörige von seelisch Erkrankten und den Betroffenen (Kranken)?
- Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es von „außen“?
- Wie können sich beide Gruppen gegen-seitig helfen/unterstützen?
- usw.
Als Veranstaltungsformen sind möglich:
o Diskussion / Erfahrungsaustausch am runden Tisch (öffentlich/nicht öffentlich)
o Öffentliche Info-Veranstaltung mit Kurzvorträge und anschl. Diskussion
o Eine nicht öffentliche Veranstaltung begleitet von einem Supervisor bzw. Mediator.
Bevor das SHN in die konkrete Planung geht, ist uns Ihre/Eure Meinung wichtig. Bitte teilen Sie/Ihr uns per E-Mail mit, was Sie/Ihr von dem Veranstaltungsvorschlag haltet.
3 + 4. Veranstaltungen vom Arbeitskreis Forum Angst und Depressionen
23.08.2007
Perfektionismus - Fluch oder Segen
Haben Sie an sich selbst auch den Anspruch, möglichst perfekt zu sein? Möchten Sie immer der oder die Beste sein und sind Sie selbst Ihr gnadenlosester Kritiker? Sind Sie mit diesen Zwängen zufrieden?
11.10.2007
Das innere Team – Das Leben beginnt von innen nach außen
Beide Veranstaltungen finden in der Selbsthilfekontaktstelle Siemensstadt in der Zeit von 18:00 – 21:00 Uhr statt.
Konzept und Durchführung: AG Forum Angst und Depression.
5. Zum Schluss noch der Hinweis auf den Berliner Selbsthilfemarkt 2007 - Interkulturell – Generationen verbindend – Engagement fördernd der am Samstag, den 08. September 2007 in der Zeit von 11-16 Uhr rund um die Gedächtniskirche auf dem Breit-scheidplatz stattfindet.
Selbstverständlich ist auch das SHN auf diesem Markt vertreten.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hoffen, dass die Angebote auf Interesse stoßen und würden sich über eine rege Teilnahme freuen.
Herzliche Grüße
Ihr/Euer SHN-Team
In eigener Sache:
Sollte jemand Interesse haben im SHN ehrenamt-lich mitzuarbeiten, so besteht jederzeit die Möglichkeit. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freuen sich über jegliche Unterstützung und Kontaktaufnahme.
Gesundheitskonferenz „Gesunde Städte“ - „Gesunde Psyche in Lichtenberg“
Schwerpunkt 2007: Depression – Schicksal oder Herausforderung?
Termin: 04. Juli 2007
Veranstaltungsort: Evangelisches Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge
Veranstalter: Bezirksamt Lichtenberg von Berlin – Mitglied im Netzwerk „Gesunde Städte“,
Abteilung Jugend, Familie und Gesundheit Planungs- und Koordinierungsstelle Gesundheit
Wie lebe ich mit der Krankheit Depression?
Konferenzbericht von Manfred Bieschke-Behm
Vor ein paar Wochen wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte auf der heutigen Veranstaltung zu der Frage: „Wie lebe ich mit der Krankheit Depression?“ ein paar Worte zu verlieren. Zunächst war ich irritiert. In den letzten Jahren war ich es eher gewohnt darüber zu sprechen, wie ich es geschafft habe, mich von der Krankheit Depressionen zu entfernen. Ich sage bewusst „entfernen“ und nicht „geheilt“.
Warum „entfernt“? Weil ich mir nicht sicher bin, nicht wieder eine Depression zu bekommen. Würde ich mich als „geheilt“ einstufen, wäre die Enttäuschung zu groß, wenn ich tatsächlich wieder in eine Depression fallen sollte. Davor möchte ich mich zumindest gedanklich schützen. Aber zurück zu der Frage: „Wie lebe ich mit der Krankheit Depression?“ Meine Antwort lautet heute: “gut“. Ich kann so antworten, weil ich erstens gelernt habe, mich mit der Krankheit zu arrangieren und weil ich zweitens die Angst vor einer Depression abbauen konnte.
Nachdem ich mich viele Jahre im Teufelkreis der Depression befand, habe ich für mich beschlossen, genug gelitten zu haben. Erlebnisse aus Kindertagen und den Jungendjahren hatten mich krank gemacht und jahrelang krank gehalten. Soweit ich zurückdenken kann, fühlte ich mich unerwünscht und ungeliebt. Ich hatte die zwanghafte Vorstellung für alle und alles verantwortlich zu sein. Der Höhepunkt war sicherlich, dass ich 1961 glaubte, für den Bau der Berliner Mauer verantwortlich zu sein.
Wenn es Personen gut ging, von denen ich mich abhängig fühlte, es gelegentlich auch war, ging es mir auch einigermaßen gut. Mir wurde eingeredet - zumindest war es meine Wahrnehmung - dass allein durch mein Dasein andere leiden müssen. Deshalb versuchte ich schon sehr früh, nicht auffallend zu leben. Weder positiv noch negativ. Am liebsten war es mir, wenn ich gar nicht wahrgenommen wurde. Allerdings gab es auch viele Momente, wo ich mich nach Nähe sehnte, sie nicht fand bzw. nicht bekam. Ich lebte in einem ständigen Gefühlsdurcheinander.
Ich fügte mir Verletzungen zu, nicht um mich zu quälen, sondern um mich zu spüren, aber auch in dem Bewusstsein durch ärztliche Versorgung Körpernähe und Berührungen zu empfinden und zu empfangen. In der Schule hatte ich Schwierigkeiten, den Anforderungen gewachsen zu sein. Auf der einen Seite wollte ich es mir und den Anderen beweisen, dass ich etwas wert bin, dass ich etwas kann, auf der anderen Seite merkte ich allzu oft, dass ich überfordert war und häufig nicht wusste, wie es weiter gehen soll und kann.
Meine seelische Verfassung machte mir häufig einen Strich durch die Rechnung und das weit über die Schulzeit hinaus. Dass ich jahrelang, und vermutlich bereits als Kind bzw. Jugendlicher unter Depressionen litt, war mir nicht bewusst und wurde auch seitens der Ärzte nicht diagnostiziert. Behandelt wurden der Magen, der rebellierte oder das Herz, das unregelmäßig schlug. Es gab die belastenden immer wiederkehrende Migräneanfälle und Nackenversteifungen. Auch der Darm- und Magentrakt machte mir nicht selten Schwierigkeiten.
Krankschreibungen, später Kur- und Klinkaufenthalte waren die begleitenden Maßnahmen.
Heute weiß ich: Ist die Seele krank, ist auch der Körper krank. Mit den organischen Krankheiten hatte ich gegenüber meinen Vorgesetzen und Kollegen kaum Schwierigkeiten, wenn es darum ging als „krank“ anerkannt zu sein. Migräne war da schon schwieriger. Männer und Migräne? Passt nicht zusammen. Und wenn Migräne schon nicht passt, dann geht Depression schon gar nicht.
Also wurde weiter erduldet, erfunden und gelogen, nach Alternativen gesucht. Sehr häufig kam ich mir wie ein Schauspieler vor, der seine Rolle einstudiert hatte und diese solange vorführte, wie sie ihm abgenommen wurde. Ob mir die Rolle, die ich spielte, immer abgenommen wurde, weiß ich nicht. Eher wohl nicht! Ob, oder ob nicht, darüber wollte ich mir keine Gedanken machen, denn dann hätte ich ein weiteres Problem gehabt.
Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass sich Mediziner zu lange nur mit meinem Körper und nicht mit meiner Seele beschäftigt haben. Endlose Jahre vergingen bis endlich die Krankheit Depression diagnostiziert wurde. Ich kann mich noch sehr wohl an die Situation erinnern, als meine Hausärztin zu mir sagte: „Ich kann die Verantwortung für Sie nicht mehr übernehmen. Ich möchte Sie in eine Klinik einweisen“. Diagnose: Schwere Depression. Das war 1976.
Danach gab es weitere fünf Klinikaufenthalte. Es würde jetzt den Rahmen sprengen, über meine Klinkaufenthalte zu sprechen. Nur soviel sei gesagt: Sie waren zum Teil für mich die Hölle. Ich sah anfänglich die Aufenthalte nicht als Hilfsangebote an, sondern als Zwangsaufenthalte mit dem Ziel mich zu quälen. Damals war ich nicht fähig, realistisch zu denken und zu fühlen. Ich konnte Hilfe nicht von Peinigen und Quälen unterscheiden. Ich hatte für mich die These aufgestellt: Ich wurde geboren, um bis an das Ende meiner Tage zu leiden, und dazu gehören dann eben auch Klinikaufenthalte. Lasst mich in Ruhe, lasst mich gehen, wohin auch immer… Das waren meine Wünsche, - die, so sage ich heute - Gott-sei-dank nicht erfüllt wurden.
Zuletzt bin ich freiwillig, - will sagen - auf eigenen Wunsch, in Kliniken gegangen. Ein Klinik-
aufenthalt schien mir als die einzige Möglichkeit, mich nicht vollständig zu verlieren. In der
Abgeschirmtheit der Klinik fühlte ich mich sicher vor den Angriffen von außen. Ich fühlte mich
nicht verantwortlich für mich und glaubte mich sicher und geborgen. Ich habe im Laufe meines Lebens viele Therapieformen kennen gelernt und musste feststellen, dass nicht alle Therapieangebote erfolgreich waren. Auch die erlebten Therapeuten waren nicht alle hilfreich. Aber insgesamt war es gut, was ich erfuhr. Denn nur durch die Vielfalt konnte ich unterscheiden, was mir wirklich geholfen hat. In Therapiebehandlungen begriff ich, dass mir ein Therapeut nur dann helfen kann, wenn ich
bereit bin, mich zu öffnen. Nur wenn ich bereit bin, alles was mich bewegt, quält und beschäftigt, zu erzählen, habe ich eine reelle Chance auf Hilfe. Und das im Besonderen im Bezug auf für mich unangenehme Dinge. Anfänglich hatte ich Scheu vor Offenheit. Ich glaubte, durch Offenheit – so wie früher häufig erlebt - Unannehmlichkeiten zu erfahren. Häufig verstand ich nicht, was der Therapeut mir sagte, tat aber so, als wäre alles ok für mich.
Später fiel es mir nicht schwer, mich dem Therapeuten gegenüber zu erklären, dass ich dies oder das nicht verstünde und deshalb um eine andere Aussage bat. Auch war ich mutig, auf Hilfsangebote mit „nein“ zu reagieren, wenn ich fühlte, dass das Angebot mich überforderte, nicht überzeugte bzw. nicht meiner Mentalität entsprach. Bis ich allerdings soweit war, war es ein dorniger Weg.
Mein Gemütszustand aber - und vor allen Dingen - meine mich belastende Vergangenheit ließen es oft nicht zu, mich zu wehren, zu verteidigen. Nur wenn ich weiß, wie es dem Anderen geht und was er fühlt und denkt, kann ich mich auf ihn einstellen, kann ihm oder ihr helfen. Das ist ein einfacher Satz und doch war es für mich so schwer ihn umzusetzen. Über Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen, fiel mir immer schon schwer. Es war in meinem Elterhaus nicht gewünscht, wurde nicht akzeptiert, nicht praktiziert. Tränen waren verboten, lachen nicht erlaubt. Bestrafung an der Tagesordnung.
Irgendjemand hat Depression wie folgt definiert: Depression ist eine gegen sich selbst gerichtete Wut. Ja, Wut gegen mich, die hatte ich. Viele Jahre, Jahrzehnte lang. Wut, weil ich es nicht schaffte, mit meiner Vergangenheit abzuschließen. Immer wieder holte mich meine Vergangenheit ungefiltert ein. Sie schaffte es, meine Gegenwart negativ und massiv zu beeinflussen. Sie verbaute mir meine Zukunft, an die ich sowieso kaum glaubte.
Es hat lange Zeit gebraucht, bis ich fähig war, mit meiner Depression zu kommunizieren. Ja, Sie hören richtig. Ich habe mit meiner Depression gesprochen. Ich habe zu ihr gesagt: „Du, Depression, musst wissen, dass Du nur Gast bei mir bist. Bilde Dir nicht ein, dass Du auf Dauer bei mir wohnen darfst. Betrachte Dich als ein unangenehmer Untermieter ohne Wohnrecht auf Dauer. Viel zu lange habe ich es Dir erlaubt, in mir zu wohnen und zu wüten. Du hast genug Schaden angerichtet. Deshalb fordere ich Dich auf, mich zu verlassen. Und wenn Du nicht freiwillig gehst, werde ich alle Hebel in Bewegung setzten, um Dich loszuwerden. Und solltest Du es irgendwann versuchen, mich wieder aufzusuchen, werde ich alles dafür tun, Dir den Einlass zu verwähren. Ungebetene Gäste sind lästig, machen krank. Und Du, Depression, bist so ein Gast“.
Natürlich hat sich die Depression nicht auf ihre Hacken umgedreht und sich von mir verabschiedet. So einfach hat sie es mir nicht gemacht. Es kostete schon einige Mühe sie loszuwerden. Aber allein schon der Entschluss und der feste Wille, die Depression als Dauergast loszuwerden, hat mich stark gemacht. Ich konnte plötzlich Kräfte mobilisieren, die ich glaubte nicht mehr zu haben. Ich hatte nur ein Ziel vor Augen: endlich glücklich und zufrieden leben.
Auf die Frage: „Was kann ich selbst dazu beitragen, dass es mir gut geht?“ suchte ich eine Antwort und fand sie. Die Antwort lautete: Will ich mich in einen zufriedenen Zustand versetzen, muss ich meine Denkweise umstellen. Das bedeutete, mein Negativdenken einzuschränken, noch besser, es abzustellen. Dies wiederum setzte voraus, meiner Vergangenheit die Macht über mich zu entziehen und mein Vergangenheitsdenken nur noch kontrolliert einzusetzen. Nämlich nur dann, wenn sie mir hilfreich scheint.
An einem Beispiel möchte ich mein Negativdenken deutlich machen: Früher lebte ich fast täglich mit der Angst, wieder eine Depression zu bekommen. Wann kommt sie? Mit wie viel Energie? Mit welchen Auswirkungen? Ich hatte panische Angst vor: Wieder Medikamente? Wieder Therapie? Wieder Klinik? Durch diese angstbesessene Denkweise - ich nenne sie gerne Katastrophendenken - war ich mir selbst der Wegbereiter für eine Depression.
Heute denke ich anders: Heute sage ich mir: „Ok! Ich kann es grundsätzlich nicht ausschließen, in eine Depression zu geraten. Aber, da ich bisher alle Depressionen überlebt habe, werde ich auch eine erneute Depression überleben“. Ich habe Erfahrungen mit Depressionen und gelernt, mit Depressionen umzugehen, und weiß, wo und wie ich Hilfe bekomme. Allein diese Denkweise - und davon bin ich überzeugt - hat mich bis heute stabil gehalten.
Ich nenne meine Denkweise positives Denken ohne Realitätsverlust. Da ich damit gute Erfahrungen gemacht habe, werde ich daran festhalten. Sie ist mir Anker und Strohhalm zugleich. Ich habe gelernt, dass sich die Vergangenheit nicht korrigieren lässt. Selbst Wegbereiter - ich neige fast dazu zu sagen „Täter“, die für meine Erkrankung die Mitverantwortung tragen, haben nicht die Möglichkeit, Geschehenes rückgängig zu machen. Geschehen ist geschehen. Geschehen ist Vergangenheit und heute ist heute. Ich entscheide, ob ich an meiner Vergangenheit zerbrechen will oder ob ich den Blick lieber nach vorne wende und mich neu orientiere. Ich will Mitgestalter sein und nicht Opfer. Ich habe mich für das Mitgestalten und die Neuorientierung entschieden.
Diese Neuorientierung versetzt mich in die Lage, seit fast 10 Jahren Selbsthilfegruppen zuleiten. Die Selbsthilfearbeit gab mir die Erkenntnis sich selbst helfen zu können und erworbene Kenntnis an andere weiter zu geben. Die Selbsthilfe war es aber auch, die mich erkennen ließ, dass es - zumindest mir - wenig bringt, wenn ich mich ständig mit dem Krankheitsbild Depression beschäftigte. Deshalb gründete ich Anfang 2002 die Selbsthilfegruppe „Positiv denken“.
Wir Gruppenmitglieder verstehen uns als eine Gruppe, die die Probleme des Alltags real sehen, aber daran nicht wieder oder überhaupt erkranken wollen. Wir versuchen durch konstruktiven Gedankenaustausch und begleitenden Diskussionen eine positive Sichtweise der Dinge zu erlangen, die momentan eher negativ erscheinen. Wir finden uns mit Unannehmlichkeiten nicht ab, sondern versuchen gemeinsam, ein vermeintliches Unglück durch positives Denken abzumildern. Häufig schaffen wir das durch eine andere Sicht- und Denkweise der Situation. Wir schaffen es, Lebenssituationen die Bedrohlichkeit zu nehmen
Im Februar 2005 habe ich das Selbsthilfenetzwerk Angst und Depressionen Berlin/ Brandburg (SHN) gegründet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen ihre Aufgabe darin, die Selbsthilfegruppen Angst und Depressionen (z. Zt. ca. 90 Gruppen in Berlin) in ihrer Arbeit zu unterstützen. Wir versorgen sie mit Informationen, von denen wir glauben, dass sie hilfreich bei der Bewältigung der eigenen Krankheit sind. Wir organisieren und führen Veranstaltungen durch, die als Lebenshilfen zu verstehen sind. Wir sind Ansprechpartner bei der Suche nach Gruppen bzw. sind behilflich bei Gruppengründungen.
Das Selbsthilfenetzwerk versteht sich als Unterstützer und Ergänzung zwischen den Beratungs- und Selbsthilfekontaktstellen und den Selbsthilfegruppen bzw. Hilfesuchenden. Bisher können wir mit unserer Arbeit zufrieden sein. Die vielen Kontakte und positiven Resonanzen zeigen uns, dass es gut und wichtig war, das Selbsthilfenetz zu gründen. Wichtig für mein
Selbstwertgefühl war und ist, mich aktiv einbringen zu können. Das Gefühl gebraucht zu werden, etwas bewegen zu können, gehört zu werden, ist ein schönes Gefühl. Hilfe anbieten können, ist wichtig und gut für mein Selbstbewusstsein und deshalb auch für meine Lebensqualität.
Wie war die Fragestellung, auf der ich meine Ausführungen aufgebaut habe? Ach Ja: „Wie lebe ich mit der Krankheit Depression?“ An meine Antwort erinnere ich mich nicht nur, sondern ich kann sie jetzt und an dieser Stelle gerne wiederholen: „gut!“ Ich wünsche jedem, der von der Krankheit Depression betroffen ist, dass er oder sie den jeweils richtigen Weg für sich findet, um den Teufelskreis verlassen zu können.
In der Kürze der Zeit konnte ich Ihnen meinen Weg nur skizzieren. Einen Weg, der nicht einfach war zu gehen. Einen Weg, den ich so manches Mal abbrechen wollte. Auch gab es die Überlegung umzukehren. Zum Gewohnten, Vertrauten zurück. Das Neue machte mir oft Angst. Häufig litt ich unter Orientierungslosigkeit und Gleichgültigkeit. Hätte ich auf professionelle Hilfe verzichtet, stünde ich vermutlich nicht hier. Depression ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Für Betroffene, aber auch für deren Angehörige. Aber, Depression ist kein Schicksal, sondern eine Herausforderung.
Ich wünsche allen Betroffenen, dass sie den Kampf gewinnen
3. SHN-Rundbrief 07-12-15
Liebe Selbsthilfe(-Netzwerk)-Interessierte,
das Datum lässt unschwer erkennen, dass Weih-nachten immer näher rückt, und dass sich das Jahr 2007 sehr bald verabschiedet.
Wir nehmen diesen Rundbrief zum Anlass, allen, die sich dem SHN verbundenen fühlen, FROHE WEIHNACHTEN und ein glückliches, gesundes und zufriedenes 2008 zu wünschen.
****************************************************************************************
Sicherlich hatten die letzten 12 Monate Höhepunk-te oder auch weniger angenehme Momente. Aber es bringt nichts, an Vergangenem festzuhalten. Wichtig ist es, vorwärts zu schauen, motiviert und positiv in die Zukunft zu planen.
Das SHN hat bereits geplant und möchte Sie über den Rundbrief über anstehende Veranstaltungen informieren:
In Zusammenarbeit mit dem ApK (Landesverband Berlin der Angehörigen psychisch Kranker e.V. plant das SHN zu dem Thema
Dialogtreffen 2008 - Seelische Erkrankungen Betroffene - Angehörige
insgesamt vier Treffen:
13.02., 12.03., 14.05. und 16.07.2008
Der ApK und das SHN wollen Betroffene und An-gehörige an einen Tisch bringen, um gemeinsam über folgende Fragen zu diskutieren:
Worin liegen die Schwierigkeiten im Ungang zwischen Betroffenen und Angehörigen?
Wie können sich beide Gruppierungen gegen seitig helfen / unterstützen?
Wer kann unterstützend mitwirken?
Was kann die jeweils andere Gruppierung von einander erwarten / erhoffen?
Was fällt dem Angehörigen schwer im Umgang mit dem / der Erkrankten?
Was fällt dem Betroffenen schwer im Umgang mit dem / der Angehörigen?
Nähe und Distanz – wie erkennen? Wie leben?
Wo und wie bekommen die jeweiligen Gruppierungen Hilfe / Unterstützung?
Welche Rechte haben Betroffene und Angehörige gegenüber Ärzten, Kliniken, Psychologen usw.?
Wo sind Lücken im Versorgungssystem für Betroffene?
Effektive Einbindung der Angehörigen in das Versorgungssystem – wie ist es erreichbar?
Integrierte Versorgung – Was ist das? Wem nützt sie?
Der Fragenkatalog ist nicht vollständig. Weitere sich ergebende Fragen werden selbstverständlich berücksichtigt.
Ziel der Zusammenkünfte ist es, dass Betroffene und Angehörige mehr voneinander erfahren und lernen. Gegenseitige Barrieren sollen abgebaut und Ver-ständnis für einander aufgebaut werden.
Ein konstruktiver Gedanken- und Erfahrungsaustausch sollte ein besseres Miteinander möglich machen und den Umgang mit der seelischen Erkrankung erleichtern.
Die Ergebnisse aus den vier Treffen werden gebündelt und sind Grundlage für eine noch zu planende öffentliche Veranstaltung im Oktober 2008 im Rahmen der Gesundheitswoche (Präsentation der Ergebnisse, eventuell mit Expertenbeteiligung). Über diese Veranstaltung wird rechtzeitig informiert.
---------------------------------------------------------------------------------------
IN EIGENER SACHE
Das SHN kann nur funktionieren und sich weiter etablieren, wenn es ausreichende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat. Leider hat sich der Stamm der MA, aus den unterschiedlichsten Gründen, stark reduziert. Eine effektive Arbeit ist kaum noch zu gewährleisten. Deshalb ein Appell: Wenn Sie Zeit und Lust haben, die Arbeit des SHN durch aktive Mitarbeit zu unterstützen, setzen Sie sich bitte mit uns in Verbindung
Selbsthilfenetzwerk im Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. Holsteinische Str. 30 / Ecke Fregestraße in 12161 Berlin Nähe S-Bhf. Feu-erbachstraße
1. und 3. Mittwoch im Monat 16:00 bis 18:00 Uhr - Erdgeschoss rechts, Raum 30-1-5
Tel.: 030 - 859 95 132 - Fax: 030 - 859 95 111
E-Mail: shnetz-depression.bb@gmx.net
Gerne verweisen wir an dieser Stelle auch auf unsere Internetadresse:
www.shnetzwerk-depression-angst bb.de
Über diese Adresse haben Sie die Möglichkeit, viel über das SHN zu erfahren. Hier finden Sie Veranstaltungshinweise, das SHN-Tagebuch, Aufgabengebiete, Projekte, Hilfsadressen und Öf-fentlichkeitsarbeit.
Zum Schluss sei die Anmerkung erlaubt, dass das SHN es auch in 2007 geschafft hat, die Kontakte zu verschiedenen Einrichtungen und Institutionen auszubauen und zu festigen. Es gibt keinen Grund, darüber nachzudenken, die SHN-Arbeit in Frage zu stellen. Im Gegenteil! Unsere Angebote (Veranstaltungen, Beratungen, Gruppenunterstützungen etc.) werden zunehmend mehr in Anspruch genommen. Das zeigt uns, dass die Gründungsidee in 2006 Früchte trägt und gleichzeitig motiviert es uns im Sinne der Selbsthilfe, das Themenfeld DEPRESSIONEN und ÄNGSTE weiterhin mit Hilfsangeboten und Aktivitäten zu unterstützen und zu fördern.
Die MA bedanken sich bei allen, die das SHN unterstützen und fördern. Ein besonderer Dank gilt der Selbsthilfekontaktstelle Tempelhof - Schöneberg, die uns über den gesamten Zeitraum (Gründung bis heute) in großzügiger Weise unterstützt.
15.10.2001 Vortrag "Meine Erfahrungen im Umgang mit der Depression"
im Rahmen der Berliner Woche der Seelischen Gesundheit 2011 - Symposium: Depression - eine Volkskrankheit? Aktuelle Behandlungsansätze- Veranstaltungsort: St. Joseph - Krankenhaus - Berlin / Weißensee - Referent: Manfred Bieschke-Behm - Selbsthilfenetzwerk Depressionen und Ängste Berlin-Brandenburg (SHN)
Wiedergabe des Vortragstextes:
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich freue mich heute hier sein zu dürfen und begrüße Sie auf das Herzlichste. Gerne bin ich der Einladung gefolgt, um über meine Erfahrungen im Umgang mit der Depression zu sprechen. Da ich nur 30 Minuten Zeit habe, um zu Ihnen zu sprechen, spare ich mir Detailangaben zu meiner Person. Nur soviel: Mein Name ist Manfred Bieschke-Behm, 49-Jährig wurde ich erwerbsunfähig verrentet (das ist jetzt 15 Jahre her)
Rückschauend kann ich sagen, dass ich bereits in der Kinder- und Jugendzeit depressive Verstimmungen hatte. Unbehandelt verstärkten sich diese Zustände im Erwachsenenleben. Letztendlich führte es dazu, dass ich die Diagnose schwere Depression attestiert bekam.
Im Bezug auf die Krankheit DEPRESSION durchlebte ich kurze und lang anhaltende Episoden, die des Öfteren mit wochenlangen Klinikaufenthalten verbunden waren. Hierbei machte ich sowohl positive als auch negative Erfahrungen. Nicht jede angebotene Hilfe war mir Hilfe. Maßnahmen, die mir klinkorganisatorisch verordnet wurden, taten mir als Patient nicht immer gut.
Beispiele hierfür sind:
• Therapieformen, die meinen Bedürfnissen nicht entsprachen, aber in den Klinikplan passten.
• Therapeutenzuweisungen, die ein Miteinander unmöglich machten, weil eine Vertrauensebene nicht erreicht werden konnte.
• Ein Therapeutenwechsel in Kliniken und Rehazentren war nicht möglich, passte nicht in das Klinikkonzept!
• Medikamentenzuführung und die Überprüfung auf Wirksamkeit bzw. auf Nebenwirkungen waren zum Teil problematisch.
Als Patient hatte ich manchmal das Erleben, als wäre ich nur ein Teil eines zu funktionierenden Räderwerkes. Das Gefühl der individuellen Wahrnehmung und Behandlung war manchmal nur schwer erkennbar und wurde von mir stark vermisst. Dieses Erleben war dem Ziel gesund zu werden alles andere als förderlich.
Ich kann mich an eine Situation erinnern, wo es mir unmöglich war, mit einer bestimmten Therapeutin zusammenzuarbeiten. Gründe hierfür waren die äußerliche Ähnlichkeit mit meiner problematischen Mutter und die Ansichten, die die Therapeutin vertrat ("Ihre Mutter kann nicht anders…). Mit dieser Aussage war für mich die immer wieder aufkommende Schuldfrage geklärt:
Ich war und bin schuld an meiner Situation. Einen Situation, die mir mehr als vertraut war.
Die Möglichkeit eines Therapeutenwechsels bestand nicht. Die Aussage: "Wo kämen wir denn da hin, wenn sich jeder Patient seinen Therapeuten selbst aussucht" musste mir als Ablehnungsgrund genügen. Die Folgen waren für mich quälende Therapiestunden. Ich glaubte in solchen und ähnlichen Situationen, dass man bewusst meinen Restwillen brechen wollte. Vermehrt spürte ich Resignation und den Wunsch, meinem Leben ein Ende zu setzten. Dass ich es als Patient zu akzeptieren hatte, dass Einzel-, Gruppen-, Gestaltungstherapiestunden - auch auf längere Zeit - ohne Angaben von Gründen - ausfielen, gehörte zum Klinikalltag.
War der Therapieplan aus organisatorischen Gründen nicht einhaltbar, hatte ich, der Patient, eben Pech gehabt.
Gelegentlich versuchten Therapeuten in Vertretung, nach Aktenlage mich zu therapieren.
Wegen fehlender Vertrauensbasis war diese Vorgehensweise für mich schwer zu ertragen und aus damaliger Sicht eine kaum zu bewältigende Schwerstarbeit. Der Klinikalltag muss funktionieren und dazugehört es auch, dass die Patienten "mitmachen", "funktionieren" und "stillhalten".
Ich appelliere an dieser Stelle an alle Ärzte und an das Pflegepersonal daran zu denken, dass sich Patienten selten freiwillig in stationäre Behandlung begeben. Das Klinikleben macht - mindestens in der Anfangsphase - Angst. Die Umgebung ist fremd. Veränderungen - welcher Art auch immer - sind für depressive Menschen - wenn überhaupt - nur schwer auszuhalten. Ich hatte das Gefühl, dass mein Allein- und Mitbestimmungsrecht bei Einlieferung und Aufenthalt alternativlos außer Kraft gesetzt wurde. Ich vermisste das Gefühl, willkommen zu sein. Ich wollte sowohl als Patient als auch als Mensch behandelt und wahrgenommen werden. Was ich nicht wollte und gebrauchen konnte ist, sich als ein Teil der Klinikmaschinerie zu fühlen. Der Gedanke "wenn ich nicht so funktioniere, wie die Anderen es von mir erwarten oder gar verlangen, bin ich schuld am nicht funktionierendem "Drumherum", war ein quälender Gedanke.
Ich erinnere mich, dass die medikamentöse Behandlung auch nicht unproblematisch war.
Das von mir über einen langen Zeitraum eingenommene, vom Facharzt verordnete Medikament wurde ohne "Wenn und Aber" durch ein "Klinik-Medikament" ersetzt. Meine geäußerten Bedenken zu dieser Vorgehensweise wurden ignoriert. Ich glaube, ich muss nicht näher darauf eingehen, was das für Folgen hatte.
Zusammengefasst kann ich sagen: Aus meiner Sicht wollte ich eigentlich nicht viel, bekam aber häufig weniger!
Die sich vom Klinikpersonal selbst zu stellende Frage: "Was würde mir gut tun, wenn ich im eigenem Hause Patient wäre?" würde - und davon bin ich überzeugt - mache Unzufriedenheit bei den Patienten gar nicht erst aufkommen lassen. Ich jedenfalls hätte mir mehr Einfühlungsvermögen, Verständnis und Zuwendung gewünscht. Tatsache ist, dass nur derjenige weiß, wie sich ein depressiver Patient in der Klinik fühlt, der diese Situation selbst durchlebt hat.
Ungerne erinnere ich mich auch an den Tatbestand, dass es für mich keine organisierte Nachsorge gab. Eine übergangslos notwendige ambulante Weiterbehandlung war nicht möglich, weil ich hierfür seitens der Kliniken keine Unterstützung erfuhr und ich selbst unwissend und hilflos war.
Ich fühlte mich weggeschoben, allein gelassen. Für die Kliniken war ich ein abgeschlossener Fall.
Meine vorgetragenen Schilderungen und Eindrücke beziehen sich auf in den Jahren 1976 bis 1995 stattgefundene Klinikaufenthalte in Berlin aber auch in anderen Teilen Deutschlands. Ansatzweise hat sich die Situation in der stationären Behandlung und begleitenden Nachsorge verbessert.
Generell ist dem nicht so. Das beweisen mir immer wieder erschütternde Berichte von Patienten aus der "Jetztzeit".
Gut, dass es auch viele Begegnungen mit Ärzten, Therapeuten und Pflegepersonal gab, die noch heute auf mich nachhaltig positiv wirken. Wenn mich wieder einmal ein "grauer" Tag erwischt, hilft es mir, mich an bestimmte Klinikgespräche und Therapiestunden zu erinnern. Ich spüre dann, dass sie mir in der Bewältigung und im Umgang mit der Depression sehr hilfreich sind.
Wie schon vorhin erwähnt, bin ich seit 1995 frühverrentet.
Diagnose: schwere Depressionen, suizidgefährdet - auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar.
Bevor ich zunächst zeitlich begrenzt verrentet wurde, war ich ein Jahr lang krankgeschrieben.
Der Versuch der Wiedereingliederung nach dem sogenannten "Hamburger Modell" scheiterte. Wieder stellten sich bei mir die Gefühle ein, lebensuntauglich zu sein und "zu nichts zu gebrauchen", was sich dann letztendlich auch in meinem Erleben bestätigte.
Meine sichere finanzielle Ausstattung brach ein und mein soziales Umfeld brach zusammen. Dadurch entstanden neue, mir bisher unbekannte Problemfelder.
Fortan gab es für mich nicht mehr das Gefühl der Freiheit und der Selbstbestimmung. Ich fühlte mich eingeengt und fremdbestimmt.
Einzel- und Gruppentherapien halfen mir, mich allmählich zu stabilisierten. Sie gaben mir Kraft und machten mir Mut, die Verantwortung für mich wieder selbst in die Hand zu nehmen. In ganz kleinen Schritten lernte ich meine Grenzen zu akzeptieren, aber auch meine Stärken zu erkennen.
Mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbewusstsein erlangten eine vorher nie gekannte positive Ausprägung und Wahrnehmung.
Große Hilfe war und ist mir die Selbsthilfe. Sie ist mir seit mehr als 13 Jahren Hilfe und Betätigungsfeld. Zunächst war ich Mitglied von Angst- und Depressions-Gruppen. Später - und das bis heute - bin ich Leiter von Selbsthilfegruppen mit dem Schwerpunktthema Depression.
Im Feb. 2006 gründete ich das Selbsthilfenetzwerk Depressionen und Ängste Berlin-Brandenburg (SHN). Schwerpunktarbeit des Selbsthilfenetzes ist, die gesundheitliche Situation der Betroffenen zu verbessern. Dazu gehört die Betroffenenberatung zu Fragen der Selbsthilfe und zu sozialen Problemen, die im Zusammenhang mit Ängsten und Depressionen stehen.
Zusätzlich bin ich seit mehreren Jahren aktives Mitglied in diversen Arbeitskreisen. Hier versuche ich die Betroffenen-Sichtweise einzubringen und dazu beizutragen, dass Versorgungslücken geschlossen werden.
Jetzt möchte ich differenzierter über meinen Umgang mit der Krankheit Depression berichten.
Für mich war und ist wichtig:
Die Krankheit Depression ernsthaft wahrzunehmen und nicht zu ignorieren.
Sie anzunehmen, was nicht heißt, mit dem Zustand einverstanden zu sein.
Sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen. Das heißt zu begreifen, dass die Krankheit da ist, aber gleichzeitig heißt das auch, das sie nicht für alle Zeit bleiben muss.
Am aller wichtigsten war für mich das Ziel, die Krankheit zu bekämpfen und sich ihr nicht bedingungslos auszuliefern.
Über einen viel zu langen Zeitraum war es für mich Schicksal, depressiv zu sein. Und Schicksal bedeutete für mich: Endgültigkeit, Unabwendbarkeit und Unterlegenheit. Ich würde im Nachhinein meine lang durchlebte Lebensform so formulieren: Da gab es auf der einen Seite den Hauptmieter, der hieß DEPRESSION, und auf der anderen Seite gab es den Untermieter und der hieß Manfred Bieschke-Behm. Allein an dieser Formulierung können Sie feststellen, in welchem Rollenklischee ich gelebt habe. Ich, der eigentlich Hauptmieter hätte sein und bleiben müssen, hatte die Kontrolle über mich verloren, sogar abgegeben. Kapituliert! Dieser Tatbestand führte dazu, dass ich meiner Depression unbewusst - letztendlich gleichgültig - mehr Macht eingeräumt hatte, als ihr zu stand.
Über die Schieflage der Machtverhältnisse - die ich durchaus bewusst und schmerzhaft erlebte - konnte ich lange Zeit nicht nachdenken und auch nicht dagegensteuern.Es gab den Punkt, wo ich mich auch gar nicht dagegen auflehnen wollte.
Und es gab auch den Satz: "Wenn man mir nun auch noch die Depression nimmt, habe ich gar nichts mehr!" Was für ein Teufelskreis! Ich war geistig und körperlich blockiert. Ich war weder in der Lage mir Hilfe zu suchen noch sie anzunehmen.
Weitere negative Erfahrungen, die zum Teil lebensbedrohend waren, ließen meinen Leidensdruck ins Unermessliche ansteigen. Erst als mir immer klarer wurde, dass ich weiter leben wollte, kam ich zu der Erkenntnis, mir Hilfe suchen zu müssen. Zunächst konnte ich Hilfe nur zögerlich annehmen. Später dann von der Logik überzeugt, leichter.
Durch Klinkaufenthalte und sich anschließende ambulante Therapien lernte ich sehr mühsam und langwierig, über Ursachen und dem Umgang mit der Krankheit Depression zu reflektieren. Ganz allmählich begriff ich, dass es mir nicht hilft, mich der Krankheit bedingungslos auszuliefern.
Auf keinen Fall wollte ich meinen Zustand mit Endgültigkeit verbinden. Ich wusste, dass mein "Untermieter" mit mir machen würde was er will, wenn ich nicht in die Lage komme, eigene Verantwortung zu übernehmen. Ich musste wieder dazu kommen, meinen Hauptmieterstatus zu leben. Auf Dauer fremdbestimmt leben, war nicht mein Ziel. Ich wollte selbstbestimmt leben.
Natürlich waren und sind klare vorwärtsbringende Gedanken während einer Depression nur schwer möglich. Aber es gab und gibt die Zeit zwischen zwei Depressionen. Diese Zeit zu nutzen über mich und den "Untermieter Depression" nachzudenken waren für mich gewinnbringend.
Letztendlich ist der Erfolg darin zu sehen, dass es bei mir zu positiven Veränderungen geführt hat.
Mir wurde klar, dass - wenn nicht ich - es wohl niemand gibt, der für mich Verantwortung übernimmt. Andere können mir den Weg zwar bereiten, gehen muss ich ihn aber selbst!
Lange genug befand ich mich in einer gefühlten marionettenartigen Abhängigkeit. Andere zogen die Fäden und ich folgte bedingungslos und gleichzeitig auch willenlos. Über einen langen Zeitraum war das mein Ist-Zustand. Folgerichtig gab ich schleichend meine Selbstständigkeit auf und verlor dabei mein "Ich-bin-ich-Gefühl". Ein "Ich-bin-wert-Gefühl" gab es schon lange nicht mehr. Ich entwickelte eine zerstörende Passivität. Das heißt: Gleichgültigkeit im Verhalten anderen gegenüber aber auch mir gegenüber.
Jahrzehnte meines Erwachsenlebens waren geprägt durch negative Abspeicherungen von Erlebnissen aus den Kinder- und Jugendjahren. Die negativen Abspeicherungen wurden zu meiner Lebensfalle. Wegen nicht praktizierender Seelenhygiene verlor ich keinen Gedanken darüber, ob meine abgespeicherten Erinnerungen tatsächlich der ganzen Wahrheit entsprachen. Mein Unterbewusstsein hatte es geschafft, positive Erlebnisse auszublenden und so mein Bewusstseinsdenken blockiert. Sich einer Sache bewusst zu sein bedeutet für mich sie wahrzunehmen; aber auch, über sie nachzudenken. Diesen Prozess zu aktivieren, war ich nicht in der Lage.
Immer wiederkehrende Sehnsüchte nach Anerkennung, Fürsorge, Liebe und Geborgenheit durch die Eltern ließen mich im Erwachsensein anhaltend unglücklich sein. Durch das Ausblenden aller positiven Vorkommnisse und der gleichzeitig lückenhaften Abspeicherung hatte ich mir ein Fundament für durchgehendes Leiden geschaffen.
Erst viel später stellte ich mir die Frage, ob meine mich belastende Vergangenheit die ganze Wahrheit war. War meine Kindheit und Jugend durchgängig grausam, unerträglich, vernichtend und zerstörend? Gab es nicht auch Situationen der Freude, Zufriedenheit und Momente, die das Ja-sagen zum Leben leicht machten?
Durch, ich nenne es "Seelenputzen", konnte ich feststellen, dass es durchaus positives Erleben gab. Bei aller Seelenhygiene fiel es mir dennoch schwer, mir begreifbar zu machen, dass die Vergangenheit - gleich wie sie verlaufen ist - nicht korrigierbar ist. Geschehen ist geschehen!
Nicht allein durch Therapien habe ich gelernt, negativen Abspeicherungen den bisherigen Stellenwert zu versagen - weil sie nicht nur nicht hilfreich - sondern gesundheitsschädigend sind.
Durch meine traumatischen Erlebnisse fühlte ich mich über Jahrzehnte hinweg als ein NIEMAND.
Dabei wollte ich so gerne ein JEMAND sein. Aber wie sollte sich ein "JEMAND-ZUSTAND" einstellen, wenn die eigene Lebensexistenz durch Familienangehörige mehr als einmal infrage gestellt wurde? "Du bist lästig!" oder "Es ginge uns allen besser, wenn es dich nicht gäbe" sind Aussagen, die sich ganz tief in meiner Seele eingebrannt haben und dessen Narben gelegentlich noch heute wehtun.
Meine von mir ausschließlich negativ besetzte Vergangenheit hatte mich gelähmt und kräftezehrend beherrscht. Irgendwann war mir klar, dass ich auf Dauer verloren bin, wenn ich meine VERGANGENHEIT zu meiner GEGENWART mache.
Ich musste mir die Fähigkeit antrainieren, meinen Gedanken kritischer zu begegnen. Ich merkte: egal ob ich negativ oder positiv denke, der Kraftaufwand ist der Gleiche. Das Ergebnis allerdings nicht! Dem mir bekannten Zustand, dass meine Gedanken, wie lose Zettel wild in meinem Kopf herumschwirren, wollte ich unbedingt ein Ende setzten. Vor allen Dingen musste ich damit aufhören, meine Vergangenheit als meine Gegenwarts- und Zukunftslenker einzusetzen. Über weite Strecken meines Lebens definierte ich mich nur noch über die Krankheit Depression.
Dadurch hatte ich mir jegliche Chance für eine zufriedenstellende Lebensform genommen.
Heute sehe ich mich anders. Mein "Untermieter" hat heute den Stellenwert, der ihm zusteht.
Ich war in labilen Lebensphasen nicht fähig, dem Untermieter Depression den Einlass zu verwehren. Der "Untermieter Depression" hatte es verstanden meinen Gemütszustand auszunutzen, und sich einzunisten. Schlimmer noch: Er hat sich rasend schnell ausgebreitet.
Kraftlos, wie ich war, musste ich tatenlos zusehen, wie die Depression Stück für Stück von mir Besitz ergriff. Ich hatte keine Depression - ich war die Depression! Aber - wie gesagt - diese Zeiten sind vorbei!
Mit großer Kraftanstrengung habe ich es gelernt, mich von dem Untermieter in kleinen Schritten zu verabschieden. Ich habe, überwiegend durch ambulante Therapien, das JA-Sagen zum Leben wiederentdeckt.
Ich weiß, dass es für mich wichtig ist, eine Tagestruktur und Aufgaben zu haben. Beides hilft mir, das Gefühl der innere Leere nicht aufkommen zu lassen. Eine Leere, die bei mir dazu führen kann, dass ich öfter, als mir gut tut, vom Nachdenken ins Grübeln wechsle. Das will ich nicht, weil ich damit schlechte Erfahrungen gemacht habe. Da ich mich kenne, weiß ich, dass im Zustand des "Leerlaufs" für mich die Gefahr besteht, gedanklich - aber auch in meinem Verhalten - wieder in das vergangenheitsorientierte Leben zurückzukehren. Besser ist es, mir Realitäten zu schaffen und im Jetzt zu leben. Und dabei helfen mir selbst gesuchte Aufgaben und erreichbare Zielvorstellungen.
Jeder - auch ich - braucht seine Vergangenheit. Die eigene Vergangenheit hilft, wichtige Entscheidungen zu treffen und kann durchaus vor Schaden schützen. Heute bin ich fähig, meine Vergangenheit nur noch bei Bedarf abzurufen und einzusetzen. Durch die Umstellung meiner Denkweise habe ich es geschafft, mein Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein auszubauen und zu stabilisieren. Dieser Tatbestand führt unter anderem dazu, dass ich heute weiß, dass ich ein Jemand bin und kein geglaubter Niemand!
Heute weiß ich, wie wichtig es ist, meinen Gedanken - wenn diese mich in die falsche Richtung zu lenken versuchen - ein STOPP entgegenzusetzen. Schneller als früher merke ich heute, wenn der Untermieter versucht, sich wichtig zu machen. Die richtigen Gedanken verhindern eine "Machtübernahme".
Auch wenn ich noch so sorgfältig mit mir umgehe, bin ich mir bewusst, dass ich immer wieder in die Depressionen-Falle tappen kann. Angst davor habe ich nicht mehr. Aufgrund der Tatsache, dass ich schon viele Depressionen durch- und überlebt habe, verstehe ich heute mit den Begleitumständen besser umzugehen. Ich spüre den schleichenden Prozess und weiß meine Körpersignale richtig zu deuten. Ich nehme früh wahr, wenn ich sprichwörtlich anfange, den Boden unter den Füssen zu verlieren und versuche durch entsprechendes Verhalten, möglichst schnell wieder Bodenhaftung zu erlangen.
Es gibt die Situation, wo mich eine spontane Traurigkeit befällt. Ich stelle mir in dieser Situation die Frage nach der Berechtigung für die Betrübtheit. Gibt es einen Grund, lasse ich die Traurigkeit zu.
Ich gebe ihr eine angemessene Zeit. Oft ist aber so, dass kein aktueller Grund für meine Bedrücktheit vorliegt. Vielmehr haben es negative, vergangenheitsbezogene Gedanken wieder einmal geschafft, sich in den Vordergrund zu schieben. Sie versuchen dann, positives Gedankengut zu verdrängen bzw. nicht zuzulassen.
Öfter als mir lieb ist, durchlebe ich diesen Prozess. Dieser Umstand veranlasst mich zu der Feststellung, dass ich mich nicht geheilt, sondern nur von der Krankheit Depression entfernt fühle.
Aber allein dieser Gedanke reicht mir aus, der Depression die ihr nicht zustehende Übermacht zu geben. Ich bin noch nicht soweit zu sagen: Ich hatte einen Untermieter namens DEPRESSION. Nein soweit bin ich (noch) nicht.
Aber ich bin fähig, das Verhältnis Hauptmieter zum Untermieter zu beobachten zu registrieren und zu regulieren.
Und wenn ich merke, dass sich eine Schieflage einzustellen droht, versuche ich, dagegen zu steuern. Und wenn das nicht alleine geht, suche ich mir Hilfe.
Der, der ich heute bin, "verdanke" ich meiner Krankheit.
Fast bin ich geneigt zu sagen, gut so, wie es gekommen ist.
Anders formuliert: Krankheit kann auch eine Chance sein. Ich habe die Chance genutzt. Ich habe zu mir selbst gefunden und Korrekturen im DENKEN, FÜHLEN und HANDELN vorgenommen. Ich habe die Möglichkeit genutzt, mir aus dem Kapital der positiven Erfahrungen und Hilfestellungen einen Lebenszustand zu schaffen, der mich wieder gerne leben lässt.
Allen, die meinen Tex hören/lesen, sage ich: Es ist möglich, den "Teufelskreis DEPRESSION" zu durchbrechen.
Für die Bewältigung der Krankheit Depression waren und sind für mich der eigene Wille, Ausdauer, Mut und Annahme von Hilfe wichtige Bausteine. Es war kein leichter Weg, aber es ist ein lohnenswerter Weg und vor allen Dingen, es ist ein gangbarer Weg. Schritt für Schritt. Depression ist keine endgültige Bestimmung, sondern in den meisten Fällen eine vorübergehende und auf alle Fälle eine behandelbare Erkrankung. Je eher mit der Behandlung angefangen wird, desto größter ist die Chance der Beherrschbarkeit oder gar Heilung. Voraussetzung dafür ist, die Bereitschaft der Krankheit den Kampf anzusagen und sich helfen zu lassen.
Eine Möglichkeit die Negativspirale zu verlassen war für mich die eigenen Einstellungen auf ihre Berechtigung hin zu überprüfen. Häufig - so auch bei mir - werden Einstellungen bedenkenlos gelebt. Einstellungen wurden anerzogen, unkritisch übernommen und unreflektiert gelebt. Bestimmte Einstellungen zu bestimmten Zeiten hatten möglicherweise ihre Berechtigung. Ich habe mich gefragt, ob die eine oder andere Einstellung heute noch zeitgemäß ist. Zum Beispiel meine Einstellungen: "Ich darf keine Fehler machen", "Ich darf niemanden enttäuschen", "Ich darf nicht NEIN sagen" oder "Ich bin nichts wert".
Lange Zeit hatte ich die Einstellung, es allen recht machen zu müssen. Diese Einstellung verbot mir so manches notwendig gewesenes NEIN. Heute weiß ich, dass ich durchaus NEIN sagen darf. Nein-sagen heißt ja nicht zwangsweise, dass ich den Anderen nicht mag. Nein-sagen bedeutet vielmehr, für mich selbst zu sorgen.
Viele Einstellungen haben mich krankgemacht, und krank gehalten. Viele meiner belastenden Einstellungen habe ich abgelegt. Das Ergebnis? Es geht mir bedeutend besser!
Ich wünsche allen, die sich auf den Weg begeben haben die DEPRESSION zu bekämpfen, von ganzem Herz Kraft, Ausdauer und den oder die richtigen Partner an der Seite. Ich wünsche, dass Betroffene es schaffen JA zum zu ihrem Leben zu sagen. Ich für mich kann (wieder) sagen: "Das Leben ist lebenswert!"
------------------------ Das Forum Angst und Depressionen informiert ---------------------
Sehr geehrte Damen und Herrn,
liebe Forum-Nutzerinnen und Nutzer,
nach fünf Jahren erfolgreicher Forum-Arbeit wird es auch in 2012 ein Veranstaltungsangebot geben.
In Kooperation zwischen dem SHN, dem Selbsthilfetreffpunkt Schöneberg und dem
Selbsthilfetreff Synapse Lichtenberg werden in 2012 insgesamt acht Veranstaltungen angeboten.
Traditionell finden die Veranstaltungen wieder jeweils donnerstags in der Zeit von 18:00 - 21:00 Uhr statt. Teilnahmegebühr 1 € (Raumnutzungsgebühr)
Neu ist, dass aus organisatorischen Gründen Anmeldungen erforderlich sind.
Die Anmeldungen bitten wir, über die jeweilige Kontaktstelle vorzunehmen. Kontaktmöglichkeiten zu den Veranstaltungsorten und Angaben zu den Themen der Veranstaltungen sind unter den Veranstaltungshinweisen (s. Veranstaltungen SHN) zu entnehmen.
Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wünscht das Forum-Team schon heute erkenntnisreiche
und informative Treffen.
Herzliche Grüße sendet das Forum-Team